Gewerbe

Pharmaforschung ist zurück in Konstanz

HDC Konstanz
„Wir testen hier die Wirkung von chemischen Substanzen auf biologische Systeme“, erklärt Werner Stürmer, bei der HDC für das operative Geschäft zuständig, die Arbeit der Screening Roboter. Bild: Sikeler

 

Die Pharmaforschung ist zurück in Konstanz. Das Unternehmen Hit Discovery Constance (HDC) betreibt auf dem ehemaligen Campus von Takeda mit sieben Mitarbeitern ein Screeningzentrum. „Zusammen mit unserem Labor in Mailand sind wir die größte Einrichtung dieser Art in Europa“, erklärt die Geschäftsführerin Doris Hafenbradl. Zu einer Auftaktveranstaltung hatte sie potentielle Geschäftspartner eingeladen.


Bei einer Führung durch die Labore fällt eines sofort auf: Hier arbeiten so gut wie keine Menschen. Stattdessen stehen in den Laboren drei verschiedene sogenannte Screening Stationen. Das sind Geräte, die vollautomatisch testen, wie die 240 000 Substanzen, auf die die Firma in Konstanz zurückgreifen kann, miteinander reagieren. HDC betreibt High Throughput Screening. Oder auf deutsch: Sie muss so viele Substanzen wie möglich in möglichst kurzer Zeit testen. Mit Menschen wäre das nicht möglich.

„Wir testen hier die Wirkung von chemischen Substanzen auf biologische Systeme“, erklärt Werner Stürmer, der bei HDC für das operative Geschäft zuständig ist, bei seiner Führung durch die Labore. Dabei benötigt die Firma nur winzigste Menge der Substanzen. Meist handelt es sich dabei um wenige Nanoliter. Ein Nanoliter ist ein Milliardstel Liter.

Tätigkeitsschwerpunkt der Firma sind Aufträge aus der Industrie. Hafenbradl betonte aber: „Wir wollen hier auch selbst Forschung betreiben.“ Die Laboreinrichtung und auch der Lagerraum haben früher mal Takeda gehört. Für Hafenbradl war die Möglichkeit, die Einrichtung der Firma zu einem „guten Preis“ abkaufen zu können, einer von zwei Gründen, sich in Konstanz anzusiedeln.

„Hätten wir das alles selbst aufbauen müssen, hätten wir etwa zehn Millionen Euro investieren müssen“, so Hafenbradl. „Trotzdem hatten wir hohe Anfangsinvestitionen“, so die Geschäftsführerin. Die Firma benötigte von Anfang an viele Aufträge. Deshalb ist die Konferenz auch so wichtig. Der Einladung gefolgt waren Geschäftspartner aus ganz Europa und Japan. Sechs Vorträge standen auf dem Programm. Mit der Auftaktveranstaltung zeigte sich Hafenbradl sehr zufrieden.

Ein weiterer Grund, sich in Konstanz anzusiedeln, war die Expertise der früheren Takeda-Mitarbeiter. „Das ist hier eine über Jahre gewachsene Struktur“, so Jan Eickhoff, Hafenbradls Kollege. Bisher noch nicht zustande gekommen ist eine Kooperation mit der Universität. Überrascht zeigte sich die Geschäftsführerin, dass kaum Doktoranden der Einladung zu der Konferenz folgten. Dabei will die Firma wachsen, wie die Direktorin erklärt. „Wenn es gut läuft, wollen wir hier in zwei Jahren zehn bis 15 Leute beschäftigen.“

Die Substanzen, die die Firma HDC testet, mögen es gerne kalt. Bei Minus 20 Grad Celsius lagern die Substanzen in einem großen Lagerraum. Menschen arbeiten dort keine. Dafür pickt sich ein Roboter die richtige Tube, so heißt das winzige Gefäß, in dem die Chemikalien aufbewahrt werden, heraus. Die tiefen Temperaturen sind für die junge Firma insofern ein Problem, als die Energiekosten immens sind.

Immerhin kann der Temperaturunterschied im Sommer zwischen Außen- und Innentemperatur schon mal 55 Grad Celsius befragen. Befragt nach ihren Wünschen an die Stadt, antwortet Doris Hafenbradl, eine der drei Geschäftsführerinnen, deshalb auch sofort: „Wir würden uns bei den Stromkosten von den Stadtwerken mehr Entgegenkommen wünschen.“ In anderen Städten würden kleine Biotechnologiefirmen mit viel Geld unterstützt.

Pharmaforschung: Was sich auf dem Campus tut
„Hier arbeiten aktuell noch 250 bis 300 Menschen“, schätzt Doris Hafenbradl, eine der Geschäftsführerinnen von Hit Discovery Constance (HDC). Viele von ihnen sind nach wie vor für Takeda tätig. Es haben sich auf dem Campus mittlerweile aber auch einige Mittelständler und Kleinunternehmen angesiedelt. „Ein Glücksfall für die Stadt“ ist für Michael Statnik vom Biolago-Netzwerk die Ansiedlung von HDC auf dem ehemaligen Takeda Campus. (jes)

 

Quelle: SÜDKURIER 14.04.2014

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